Glosse des Monats November

Es gibt keine wirklichen Hassgefühle ausser den literarischen. Politische Hassgefühle sind gar nichts.
Victor Hugo


Natürlich, Hass ist kein schöner Zug, auch nicht bei Schriftstellern. Aber Literaten wissen ihre Gemeinheiten wenigstens so brillant zu formulieren, dass selbst stammtischerprobte Politiker nur in den seltensten Fällen mithalten können. Nur Winston Churchill war auch in dieser Hinsicht meisterhaft. Vielleicht hat er ja seinen Nobelpreis deshalb in der Sparte Literatur bekommen.

Die Abneigung, die zu diesen kunstvoll mit Vitriol getränkten Gemeinheiten führt, muss nicht immer einen Grund haben. Nur manchmal kann man sich erklären, wo sie herkommt. Wer – um ein Beispiel aus der deutschen Klassik anzuführen – immer nur als biederer Handwerker der Literatur wahrgenommen wird, so wie es August von Kotzebue sein Leben lang erging, der kann einen umjubelten Grossdichter wie den Geheimrat Goethe ja nicht mögen. Vor allem nicht, wenn der die Finanzen seines Weimarer Theaters immer wieder mit den Kassenerfolgen des verachteten Konkurrenten saniert, und ihn trotzdem nicht gebührend schätzt. Aus Rache verfasste Kotzebue dann einmal eine schonungslose Kritik mit dem wunderbaren Titel: „Beweis, dass Herr von Göthe kein Deutsch versteht“.

Bei anderen lassen sich die Hassgefühle nicht so leicht erklären. Aber man kann sich trotzdem an der Eleganz erfreuen, mit der sie ausgedrückt werden. Ich weiss nicht, was Virginia Woolf gegen James Joyce hatte, aber ich bewundere die sprachliche Eleganz, mit der sie ihre Abneigung zu Papier brachte: „‚Ulysses‘ ist die Arbeit eines überempfindlichen Studenten, der sich seine Pickel kratzt.“

Und auch Vladimir Nabokovs Freud-Beschimpfung ist – Wie könnte es bei Nabokov anders sein? – meisterhaft formuliert: “Ich finde ihn plump, ich finde ihn mittelalterlich, und ich will nicht, dass ein älterer, mit einem Regenschirm bewaffneter Herr aus Wien uns seine Träume aufzwingt.“

Oder Gore Vidal über Aleksandr Solshenitsyn: „Er ist ein schlechter Schriftsteller und ein Dummkopf. Diese Kombination macht einen für gewöhnlich in den USA sehr populär.“

Meine absolute Lieblingsbosheit aber stammt vom genialen Übersetzer Harry Rowohlt, der den von ihm nicht geschätzten Albert Camus gewissermassen mit einem trockenen linken Haken erledigte. Nämlich mit der Formulierung: „Ein zu Unrecht unvergessener Autor.“

Alles sehr unhöflich, meine Damen und Herren. Aber geben wir es zu: Die Politiker kommen da nicht mit.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Januar 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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