Glosse des Monats Januar 2014

Ich hasse die bleierne Einförmigkeit dieser kleinen Umfragen: Wen würden Sie zu einem idealen Abendessen einladen, welches Buch hat Ihr Leben verändert, welchem fiktionalen Charakter gleichen Sie am meisten?

Hilary Mantel


Als eines Tages ein Journalist den alten Herrn Geheimrat Goethe fragte, was denn dessen liebste Süssigkeit sei, da antwortete der Dichterfürst: „Ulrike von Levetzow“.

Nein, die Geschichte stimmt natürlich nicht. Aber es ist schon so: Wenn Journalisten gar nichts mehr einfällt, dann fällt ihnen eine Umfrage ein. Und wenn sie keine Miss Schweiz, keinen Skifahrer und keine Society-Lady mehr auf ihrer Adressliste haben, dann befragen sie auch mal Schriftsteller.

Dann soll Adolf Muschg darüber Auskunft geben, wann er zum ersten Mal eine Frau geküsst hat, Peter Bichsel soll verraten, ob er weiche Eier lieber köpft oder mit dem Löffel aufklopft, und von Peter Stamm wollen sie wissen, ob er Boxer-Shorts trägt oder eventuell doch Feinripp mit Eingriff.

„Weil das nämlich unsere Leser interessiert“, sagen sie dann am Telefon.

Ich weiß nicht…

Weil ich mir einen Menschen, der sich für Adolf Muschgs Teenager-Erlebnisse, Peter Bichsels Eieröffnungstechnik und Peter Stamms Unterhosen interessiert, nicht als Leser vorstellen kann, sondern nur als Analphabeten. Von Lesern habe ich eine bessere Meinung. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich ein Zeitungskonsument für solche inhaltleeren Pseudo-Infor­mati­onen tatsächlich interessieren könnte. Noch nicht einmal wenn er zu den Leuten gehört, die an „20 Minuten“ tatsächlich zwanzig Minuten lang etwas zu lesen finden.

Und selbst wenn – würde er solche Belanglosigkeiten ausgerechnet von einem Schriftsteller hören wollen, dessen Bücher er ja doch nicht liest, weil das Studium der aktuellen Umfragen seine tägliche Lesezeit völlig ausfüllt?

Nein, verehrte Zeitungsspalten-Füller, es gibt genügend andere Leute, die nichts Wichtigeres kennen, als den eigenen Namen in der Zeitung zu lesen. Die glauben, jeden Pups ihrer Verdauung in maximal 140 Zeichen in die Welt hinaustwittern zu müssen. Die immer schon eine Hand am Telefon haben, für den Fall, dass ein Journalist bei ihnen anruft und wissen will, ob sie auf dem Bauch oder auf dem Rücken schlafen.

Ruft also für eure Umfragen bei denen an, liebe Trivial-Journalis­ten. Ihr macht sie glücklich damit. Und streicht unsere Namen aus eurem Adressverzeichnis. Ein für alle Mal. Vielen Dank.

Übrigens: Ich trage Boxer-Shorts und klopfe weiche Eier mit dem Löffel auf.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. Januar 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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