Glosse des Monats Januar 2013

Der Kunstgriff täuscht mich nicht: / Du gibst dich strafbar, um dich rein zu waschen.
Friedrich Schiller


Mea culpa. Mea maxima culpa. Ich habe gesündigt, ich habe gefrevelt, ich habe mich vergangen gegen die Gesetze des Universums. Schon höre ich von allen Seiten das hämische Sabbern der Erinnyen, die mit gereckten Krallen darauf lauern, mich in die Unterwelt zu schleifen. Und zwar nicht in irgendeine Unterwelt, sondern in jenen allertiefsten, grässlichsten Kreis des Infernos, von dem nicht einmal Dante etwas wusste, in die höllischsten aller höllischen Gefilde, wo man jeden Tag dasselbe Buch lesen muss, und das heisst grausamer Weise „Shades Of Grey“.
Und – mea culpa, mea maxima culpa – ich habe diese Strafe verdient. Denn ich habe das Verbrechen begangen, für das es keine Gnade geben kann: Ich habe Bücher weg¬geworfen. Und zwar nicht eines oder zwei, sondern gleich mehrere Stapel. Einfach in die Kehrrichtverbrennung gekarrt, und dort… Ich schaudere jedes Mal, wenn ich daran denke. Ich bin ja kein völlig gefühlloses Monster.
Ich habe versucht, wirklich, den Büchern dieses Schicksal zu ersparen. Ich habe es wieder und wieder versucht, das schwöre ich bei allen Göttern meines literarischen Firmaments, bei Flaubert und Tucholsky und Ed McBain. Ich habe versucht, ihnen eine neue Heimat zu verschaffen, habe bei vielen Antiquariaten angerufen und bei noch mehr Brockenhäusern. Und alle, al-le, die ich anfragte, lachten nur bitter. „Bücher?“, sagten sie. „Bücher will doch keiner mehr haben. Diese Zeit ist vorbei“, sagten sie. „Bücher kann man nicht mehr verschenken und schon gar nicht verkaufen. Bücher kann man nur noch entsorgen.“
Ich weiss, hohes Gericht, das sind keine mildernden Umstände. Ich flehe ja auch nur um ein bisschen Verständnis, bevor das endgültige und unausweichliche Urteil gesprochen wird. Ich will ja nur erklären, wie es dazu gekommen ist.
All die Bände hatten keinen Platz mehr bei mir, denn ich bin von der unheilbaren Seuche des Bücherkaufes befallen und schaffe ständig wieder neue an. Aber Regale – ich bitte das zu meiner Entlastung zu Protokoll zu nehmen – sind nun mal endlich, und das Neuere ist der Feind des Alten. Wobei ich natürlich, beeile ich mich hinzuzufügen, keine Klassiker weggeschmissen habe. So ver-kommen bin nicht einmal ich.
Aber die unverzeihliche Schandtat habe ich begangen. Ihren Makel wird keine Reue je wieder von mir nehmen. Ich habe Bücher weggeworfen. Mea culpa. Mea maxima culpa.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27.Januar 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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